KURZGESCHICHTEN

Berlin- Lichtenberg, 1951 

Meine Eltern hatten aus Lindenholz geschnitzte Krippenfiguren, Maria und Josef, Jesus und eine liegende Kuh. Das Baby in der Krippe lächelte und reckte uns den ausgestreckten Zeigefinger und Mittelfinger entgegen, als wollte es uns segnen, dabei konnte es doch noch gar nicht wissen, was ihm alles blüht. Und es war nackt, der Holzschnitzer hatte sich bemüht, alles möglichst naturgetreu abzubilden, und wir konnten alles ganz genau sehen, aber - langweilig, das sah ja auch aus wie bei meinem Bruder und bei mir. Ich hätte lieber gesehen, wenn Jesus ein Mädchen gewesen wäre, das wäre viel interessanter gewesen.

Dann wäre die Geschichte mit der Erlösung aber wahrscheinlich ganz anders verlaufen. Und ich vermute, wir hätten keine Erlösung versprochen bekommen, sondern eine Sielösung.                                                                                                                 Aus 24 Adventskalendergeschichten, geschrieben 2012

                                                                                                                                           H.D.

Die Erfindung des Klaviers


Es war einmal ein Minnesänger, der zog singend und Harfe spielend von Burg zu Burg, von Burgfräulein zu Burgfräulein und betörte alle mit seiner Stimme und mit seiner Fingerfertigkeit – auf der Harfe. So stromerte er durchs Schwabenländle, von Burg Bechstein nach Burg Bösendorf und sogar bis nach Burg Stein, dem Herrensitz derer vom Steinweg.
Kam Hugo am Fuße einer Burg an, setzte er seine Harfe aufs Knie, ölte seine Stimme mit Gänsewein und hub an und sang gar lustige Moritaten, schaurige Geschichten von Mord und Minne, von List und Liebe, von Tod und Teufel.

Wie er so durch die Lande zog, wurde ihm die Harfe auf dem Rücken schwer und schwerer, da ging er zu Heribert, Heribert war Tischler. Die beiden Mannsbilder beschlossen, einen Kasten um die Harfe zu bauen, so wäre sie vor den Unbilden des Wetters geschützt und ließe sich an dem Haltegriff aus Messing leichter von Ort zu Ort schleppen. So entstand übrigens das Sprichwort: Er hat was auf dem Kasten.
Beim nächsten Besuch auf einer Burg wartete Genoveva – alle Burgfräuleins heißen Genoveva, so wie alle Möwen Emma heißen – schon ungeduldig auf den Moritatensänger, aber es dauert etliche Zeit, bis die Harfe aus dem Kasten gezerrt war und außerdem musste sie nun auch noch gestimmt werden. Wenn ein Lautenspieler 80 Jahre alt geworden ist, dann hat er 60 Jahre lang gestimmt. Da die Harfe bestimmt 10 mal so viel Saiten wie die Laute hat, dauerte es bis in den Abend, da war Genoveva verstimmt. Die Harfe war jetzt gestimmt, aber die Stimmung war im Eimer.

Da ging er wieder zu Heribert, dem Tischler. Der kratzte sich am Kopf und befand, am besten sei es doch, die Harfe im Kasten zu lassen, aber, um sie spielen zu können, mussten jetzt eine Reihe Löcher gebohrt werden, durch die man mit den Fingern die Saiten anzupfen konnte, für jede Saite eine kreisrunde Öffnung, das sah nicht nur gut aus, sondern trug auch wesentlich zur Belüftung und zu einem gleichbleibenden Innenklima bei, sodass auf das zeitaufwändige Stimmen fast ganz verzichtet werden konnte.

Genoveva wartete sehnsüchtig auf ihrem Balkon, als unser Minnesänger mit seinem durchlöcherten Instrument erschien, und die Minne in den höchsten Tönen loben wollte. Dazu kam es aber nicht. Leider hatte nämlich Heribert, der Tischler, versäumt, einen Blick auf Hugos Finger zu werfen. Zwischen Fis und Gis blieb Hugos Daumen stecken und ließ sich nicht mehr aus dem Loch ziehen, das Konzert musste abgebrochen werden und Hugo erntete höhnische Blicke.
Ich brauche für jedes Loch einen kleinen Stecken, damit ich nicht mit den Fingern in das Instrument greifen muss, sagte er zu Heribert. So wurden die Tasten erfunden.

Das Instrument war jetzt so schwer, dass Hugo es nur noch mit Müh und Schweiß über Berg und Tal und von einer Burg zur anderen schleppen mochte. Heribert wusste auch diesmal Rat: Der Kasten bekam drei Holzbeine, so massiv wie die von einem Dickhäuter, und – das Rad war ja bereits erfunden – unten drunter Rollen.
Hugo rollte fortan mit dem Kasten über Land. Kam er zu einer seiner Genoveven, klappte er einfach das Instrument auf, setzte sich davor und bediente die Tasten. Genoveva klatschte in die Hände. Wurde sie müde, bat sie: Ach, spiel er mir die Goldberg-Variationen. Und Hugo tat, wie ihm geheißen.

Im Laufe der Jahre und durch den täglich Einsatz wurde der Holzkasten langsam unansehnlich, die Astlöcher stöhnten, die Tasten verfärbten sich, die zahllreich geleerten Weingläser hinterließen Ringe, kurzum da fehlte etwas Farbe.
Heribert, wer sonst, Heribert hatte Farbe, Hugo ließ sein Instrument in der Werkstatt, und als er es wieder abholte, staunte er nicht schlecht, das Instrument glänzte wie neu, aber es war schwarz. Heribert kannte nämlich nur eine Farbe: schwarz, er war Sargtischler. Aber Heribert hatte ganze Arbeit geleistet, nicht nur der Kasten war schwarz, sondern auch die Tasten. Das Cembalo hat deshalb auch heute noch überwiegend schwarze Tasten.
Hugo fand schließlich seine Genoveva und setzte sich zur Ruhe, das Instrument wurde in den Rittersaal gerollt und Hugo erfreute allabendlich mit Virtuosität den Hofstaat. Manch nicht mehr so ganz frisches Edelfräulein seufzte: Ach, man müsste Klavier spielen können. Aber das sollte erst 1941 ein Hit werden.
Und Genoveva rief ein ums andere Mal: Spiel’s noch einmal, Hugo! Und sie lebten glücklich und zufrieden, das jüngste Kind nannten sie Sam.

Wenn heute Musikkenner über Flügel sprechen, ist sicher die Rede von einem Bösendorfer, einem Bechstein oder einem Stainway, aber keiner weiß, dass in Wirklichkeit Hugo und Heribert das Klavier erfunden haben.
H.D.


Mein 13. August

 

Ein Ohrwurm ließ sich nicht mehr aus meinen Hörwindungen vertreiben: O, Fortuna. Ich kam von einer Aufführung der Carmina Burana. Spätabends am 12. August auf dem U-Bahnhof Deutsche Oper erschreckten mich die Lautsprecherdurchsagen. Der Endbahnhof der Linie 1, Warschauer Brücke, sei nicht erreichbar, die letzte Station sei Schlesisches Tor. Ost-Berliner Bauarbeiter hätten damit begonnen, die Sektorengrenze zwischen West- und Ost-Berlin abzuriegeln. Dabei hatte doch der mit der Zwergenstimme im Radio versichert, niemand habe die Absicht eine Mauer zu errichten! O, Fortuna?  Unsere Abiturklasse hatte noch ein Vierteljahr zuvor mit unserem Geschichtslehrer eine Besichtigungstour durch unser Berlin unternommen, Gegenwartskunde. Wir hatten Mietskasernen und Hinterhöfe, Brachland und Ruinengrundstücke entlang der Bezirksgrenzen zwischen Friedrichshain und Kreuzberg, zwischen Wedding und Mitte gesehen. Und überall wurde gelebt. Manche Orte sahen so aus, als sei der Zweite Weltkrieg vorgestern erst zuende gegangen. Wir waren überzeugt, West- und Ost-Berlin sind so untrennbar zusammengewachsen, das lässt sich gar nicht abriegeln. Und jetzt das!?

Am Sonntag, dem 13. August, war ich nicht, wie die Eltern glaubten, in die Kirche gegangen, sondern war mit dem Fahrrad von Mariendorf zum Mariannenplatz gefahren. Neben der Thomaskirche senkten Baukräne graue Betonplatten quer auf die Straße, Bauarbeiter warfen mit ihren Maurerkellen nassen Mörtel zwischen die Quadersteine. Unglaublich! Die errichteten eine Mauer. Und bewaffnete Polizisten bewachten die Arbeiten, oder bewachten sie die Arbeiter? Diese Geschichte passierte nicht im Geschichtsunterricht, hier ereignete sich Geschichte vor meinen Augen und ich war mitten drin! Die Gegenwartskunde war von der Wirklichkeit überholt worden.

Zum 18. Geburtstag hatte ich eine Puova Start geschenkt bekommen, einen Fotoapparat mit schwarzem Bakelitgehäuse, die Blende konnte man wechseln zwischen Sonne und Wolken, die Schwarz-Weiß-Bilder im Format 6 x 6. Ich fotografierte, was ich nicht glauben konnte. Ein Volkspolizist hob seine Maschinenpistole und rief mir etwas zu. Ich hatte Schiss. Mit zittrigem Zeigefinger drückte ich den Auslöser, ich war mir sicher, solange ich den Vopo durch den Sucher ansehe, wird er nicht auf mich schießen. Aber was macht er, wenn ich wegsehe? Für jedes neue Bild musste der Film weiter gedreht werden, bis in einem runden Fenster die nächste Zahl erscheint. Nach zwölf Bildern war der gesamte Film belichtet. Und alles war verwackelt. Heute gäbe ich was drum, hätte ich die unscharfen Fotos damals nicht weggeworfen.

30 Jahre später, meine Arbeitsstelle lag im ehemaligen Bethanien-Krankenhaus. Auf meinem Weg vom Ostbahnhof ins Seminar stolperte ich Woche für Woche am Bethaniendamm über knöcheltiefe Löcher im Asphalt, Übrigbleibsel vom „antifaschistischen Schutzwall“. Oft glaubte ich, ich könne hier noch immer das „Klick“ meines Fotoapparates hören. Auf dem ehemaligen Niemandsland-Dreieck lebt heute eine türkische Familie in einer Bretterbude und baut Bohnen und Porree an. Hier ist nicht Gras über die Geschichte gewachsen, sondern Gemüse! „Leben! Armut und Macht zergehen vor dir wie Eis! O, Fortuna!“

veröffentlicht in der Berliner Zeitung 13.08.2011                                                                                                                                                       H.D.