Hätten wir doch Flügel

erschienen 2005 im Verlag Zeitgut, ISBN 978-3-933336-86-4



REZENSION

Rezensent: weiser111 bei amazon


Der erste flüchtige Blick: Ein Briefwechsel eines ganz gewöhnlichen Ehepaars unter ungewöhnlichen Bedingungen. Nach dem zweiten Blick die Frage: Was ist eigentlich "gewöhnlich", oder anders gefragt: Was macht diesen Briefwechsel außergewöhnlich und damit auch die, die er verbindet, und damit wiederum dieses Buch?

Es geht um Martha und Werner Döring - 1940 haben sie geheiratet, und 1946 schreibt Werner aus der Gefangenschaft, dass sie in ihrer nun sechsjährigen Ehe noch keinen Alltag zusammen erlebt haben. Hinter lapidaren Feststellungen wie dieser verbirgt sich das Außergewöhnliche, das Bücher wie dieses lesenswert macht.

Werner Döring war im Frühjahr 1945 in französische Gefangenschaft geraten; es geht ihm dort vergleichsweise gut, wie man aus heutiger Sicht sagen kann -- "vergleichsweise gut", nicht "gut". Seine Frau kommt im Sommer 1945 nach mehrwöchigem Fußmarsch mit zwei kleinen Kindern aus dem tschechischen Maršov (Marschendorf) zurück nach Berlin. Was sie unterwegs erlebt hat, kommt in den Briefen nicht zur Sprache, man muss es sich aus dem Allgemeinwissen zusammenreimen und das beste hoffen.
 


Aber immerhin, man lebt -- und weiß noch wochenlang nicht, ob auch der Partner den Krieg überlebt hat. An regelmäßigen Postverkehr ist nicht zu denken, und den ersten Briefen merkt man an, dass sie mit einer Mischung aus Hoffnung und Angst losgeschickt wurden -- ins Blaue hinein. Es dauert Monate, bis man weiß, wo der andere ist, und wie es ihm geht.

Nun beginnt ein Briefwechsel, wie es sicher viele gegeben hat, und von denen jeder auf seine Art ebenso bemerkenswert war wie das Leben der Schreibenden.

Was den hier abgedruckten Briefwechsel außergewöhnlich macht, steht meist zwischen den Zeilen: Die Briefe wurden zensiert, das wusste man, und sie mussten auf Vordrucken verfasst werden, durften also eine bestimmte Länge nicht überschreiten. Wenn allerdings der Schriftsetzer Döring kalligraphisch gestaltete Gedichte für seine Frau oder Zeichnungen für seine Kinder beilegte (eine ganze Reihe davon sind im Buch abgedruckt), drückte der Zensor offenbar ein Auge zu. Dass in diesen Beigaben viele unzensierte Mitteilungen versteckt waren, liegt nahe, aber als Uneingeweihter errät man sie erst, wenn Martha in ihrer Antwort auf einen Brief Bezug nimmt auf etwas, das im "offiziellen" Brief nicht erwähnt wurde.



Aber auch die Inhalte der "offiziellen" Briefe, schätzungsweise 300 aus zwei Jahren, sind das Lesen wert. Und auch hier steht das Wichtige oft zwischen den Zeilen -- eine Konsequenz der Zensur, aber auch der Situation: Man wollte den anderen nicht mit Sorgen belasten, an denen er nichts ändern konnte. Nur manchmal bricht die Verzweiflung durch, vor allem bei Werner, der fürchtet, dass das Leben seiner Frau an ihm vorbeizugehen droht -- Sätze wie "Was soll ich Dir sagen? Zum Antworten hab ich nichts, im Lager geschieht auch nichts" können Bände sprechen.

Aus Marthas Briefen spricht eine andere, handfestere Art von Not, auch wenn sie das Schlimmste offenbar nicht schreibt. Was sie schreibt, ist allerdings auch schon starker Tobak: Ein kaputter Ofen bei 20 Grad unter Null zum Beispiel, oder eine Lungenentzündung des kleinen Sohnes. Oder die Freude, die ein Päckchen mit Brot bereiten kann oder das Eintreffen von Küchengeräten, oder auch die wochenlange generalstabsmäßige Planung, die dem Aufenthalt eines Kindes bei Bekannten auf dem Land vorangeht. Man bewundert diese Frau, wie sie unter diesen Bedingungen ihren Alltag bewältigt und zwei kleine Kinder durchbringt.



Beiden Briefeschreibern ist klar, dass ihnen vieles von dem verborgen bleiben muss, das den anderen bewegt, bei aller Einfühlung und aller Phantasie. Grotesk etwa der gutgemeinte Rat des Vaters, das erkrankte Kind mit Penicillin zu behandeln (1946 in Berlin!) -- und rührend seine Erkenntnis, dass es doch "so viel Kleinigkeiten [gibt], die ich gar nicht ahnen und erkennen kann".

"Uns blieben Briefe, in die fremde Augen noch hineinschauen", schreibt Werner einmal bitter. Irgendwie bekommt man ein schlechtes Gewissen, wenn man das liest, auch wenn man nicht gemeint ist. Aber die Veröffentlichung der Briefe ist sinnvoll: Sie vermitteln auf eine ganz eigene Art etwas von dem, was die Generation unserer Eltern und Großeltern durchlebte, und sie tun das auf eine sehr unmittelbare Weise, ganz anders als dies Erinnerungen tun, die ja immer erst durch einen bewussten oder unbewussten Filter gelaufen sind.

"Bescheidene Dokumente eines großen, katastrophischen Jahrhunderts, [...] Tropfen aus einem Meer von Texten, in denen sich die Zeitgenossen ihrer selbst versicherten", schreiben die Herausgeber von "Mitten ins Menschliche", einer Sammlung von Briefen des 20. Jahrhunderts aus prominenten Federn. Sie könnten mit diesen Sätzen auch diesen Briefwechsel gemeint haben.



 

 

LESEPROBE

 

… Obenauf in dem Holzkästchen liegt ein vergilbtes Schwarz-Weiß-Foto. Die ungefähr 300 Briefe darunter sind nicht verschnürt, wie man es von Liebesbriefen gewöhnt ist; sie sind durch viele Finger gegangen, genau genommen durch 20 Finger,  sie sind oft und oft und immer wieder durchblättert und gelesen worden. Die Finger haben auf dem billigen Papier ihre Spuren hinterlassen, die Ränder sind ausgefranst, die Faltstellen gebrochen, stellenweise sind die Brüche mit billigen Klebestreifen geflickt. Das Foto zeigt  das Hochzeitspaar mit den Trauzeugen vor dem neogotischen Hauptportal der Mauritiuskirche in Lichtenberg, rechts sein Freund Hans Olbrich, links Ihre Freundin Käte.

Am Anfang meiner Beschäftigung und Auseinandersetzung mit den Briefen steht die Schrift, viele Briefe sind nur mit einer Fadenlupe zu entziffern, die Buchstaben in Sütterlin, Grotesk oder Futura, zahlreiche Briefe, in denen die Initialen wie in mittelalterlichen Handschriftenliebevoll verziert, kunstvoll verschnörkelt sind.

Ich muss zugeben: Am Anfang habe ich leichte Zweifel, ob diese Briefe überhaupt gelesen werden dürfen. Aber, je weiter ich in den Briefen lese, um so deutlicher weichen die Skrupel zurück. Die Eltern wissen, dass die Briefe von fremden Menschen gelesen werden, auch wenn sie sie nicht für andere schreiben. Sie wissen, dass sie zensiert werden. Auch wenn sie nicht zwischen den Zeilen schreiben durften, Vater tat es dennoch, zwischen den Zeilen gelesen verstecken sich, eher verschleiert als angedeutet, Familiengeheimnisse, die auch nach seiner glücklichen Rückkehr nach Berlin im Oktober 1947 bewahrt wurden. Die Zensurbehörde  akzeptiert offenbar beigelegte Gedichte in Schönschrift, so können er und sie sich über die Gedichte Mitteilungen machen, die von der Zensur im Klartext möglicherweise verhindert worden wären.

Das Kästchen war sicher über 30 Jahre nicht mehr geöffnet worden. In der Nacht, in der ich es in meiner Wohnung in Hamburg das erste mal aufsperre und anfange, in den Briefen zu blättern und zu lesen, beschließt meine Mutter in Berlin nach langer Ohnmacht das Leben.

An den San.Uffz. Werner Döring                                           Marschendorf,  den 27.12.1944

Lieber Vati! Wo steckst Du nun eigentlich? Vergeblich habe ich am Heiligabend versucht, Dir in Gedanken näher zu kommen; es ist nicht schön, wenn man gar nicht weiß, in welche Richtung man sie schicken kann. Wie mögt ihr das Christfest verlebt haben? Hattest (Eine Zeile ist auf der Vorderseite und auf der Rückseite nicht mehr lesbar; an dieser Stelle ist der Brief durch vieles Falten eingerissen und  offenbar nachträglich – mit einem Klebestreifen, inzwischen vergilbt – zusammengeklebt.)  ... hatten die Absicht, am Heiligabend zur Christvesper in der alten Kirche zu gehen um zwölf Uhr; ich hatte mir aber Zahnschmerzen zugelegt und da fürchtete ich die Kälte dort oben. Es hat uns aber hinterher noch sehr leid getan, dass wir nicht waren. Es soll sehr schön gewesen sein.

 

(vermutlich Marschendorf?)     4.2.1945

Lieber Vati, gestern kam Dein Brief vom Heiligabend!!! hier an, heut einer vom 20.1. daraus sehe ich, dass Du immer noch keine Nachricht von mir hast. Das ist ja abscheulich, gerade jetzt wirst Du ja sehr oft an uns herdenken. Im letzten Brief schrieb ich Dir ja schon, dass viele Frauen mit ihren Kindern heim nach Berlin sind. Ich möchte aber noch hier bleiben, denn die Fahrt mit unserem Wolfgang ist ja kaum zu machen bei dieser Kälte und den Verkehrsverhältnissen, ganz abgesehen davon, dass man dort ja wohl auch nicht sicherer ist. Ich denke, in Deinem Sinn zu handeln, wenn wir hier bleiben. …

Weißt, Vati, ich hab jetzt oft arge Sehnsucht nach Dir – und Du bist so weit! Erni schreibt heut, wenn wir hier weg müssten, sollten wir zu ihnen kommen; der Brief war allerdings vom 20. Januar. Inzwischen werden sie vielleicht selbst überlegen, ob sie nicht wo anders hin können. Die Stimmung hier ist natürlich sehr geteilt, ein Teil ist überängstlich, die anderen warten eben ab. Von Oberschlesien bis hierher sind ein paar Leute acht Tage unterwegs gewesen und noch dazu per Bahn. Wie gesagt, mit unserm Kleinsten könnte ich sehr schwer fort bei diesem Wetter. Wie schade, ewig schade, dass Du ihn nicht sehen kannst; er ist ein süßes Kerlchen, so rosig und frisch, dass man ihn direkt anbeißen könnt. … Vom Hansl soll ich Dir ganz liebe Grüße bestellen und Du sollst bald heimkommen; den „ollen Krieg will er tottreten“! Von uns Großen ist nichts Besonderes zu berichten; wir müssen nur die Ohren und Augen offen halten, um nichts zu verpassen. Ach könntest Du doch  mal ein paar Tage wenigstens hier sein! Wir vermissen Dich so sehr, lieber guter Vati. Von uns allen tausend liebe Grüße von Deinem Marthelein noch ein Küsschen

(Auf der ersten Seite:)Wie schön, dass Ihr Weihnachten so nett habt feiern können. Hoffentlich kriegst Du meinen Brief über unseren Heiligabend noch.

Brief 1                                                                                                                                      2. Sept. 1945

(mit Bleistift, in Druckschrift) Liebe Mutti, liebe Hilde, letzte Nachricht war Telegramm. Wie geht es? Konnte nicht kommen. Bin seit April in franz. Gefangenschaft; mir geht es gut, arbeite als Sanitäter. Wie geht es Mutti und Dir? Wie waren die schweren Tage für Euch? Wisst Ihr etwas von meiner Familie? Hab keine Nachricht. Ob Erni was weiß? Hilf suchen. Ich denke an Julius, Moni. Wo wart Ihr während des Kampfes? Hoff auf ein gutes Wiedersehen. Herzlichen Gruß. Euer Werner

Brief  9 (!)                                                                                                                         30. Januar 1946

Mein Lieb, komm mir schon dumm vor; weiß nicht wie oft ich Dir geschrieben hab. Als einziges weiß ich, dass Du in Marschendorf nicht bist. Heut jährt sich zum siebenten Male der Tag, an dem es Abschied gab. Sechs lange, schwere Jahre. Wir können vom Schicksal wohl etwas besseres jetzt erwarten. Mir geht es gut. Wie geht es Dir, den Kindern, den Lieben, wo seid Ihr? Alles Fragen, die ich bislang an den Wind richtete. Sei lieb gegrüßt, Werner

Brief 54                                                                                           11.11.1946                                   

Mein Wernerlein! Dein lieber Brief vom 25.10. kam an. Von Rädel kann ich Dir berichten, dass einige Sachen noch da sind, ein Teil ist wohl durch Flüchtlinge ziemlich verwohnt. Den Rest möchten wir gern hier haben, aber – erstens ist unsere Wohnung noch nicht fertig und zweitens spielt die Kassenfrage eine große Rolle. Es ist äußerst schwer, einen Fuhrmann zu bekommen, hat man einen, so kostet es mehrere 100 Mark. Das ist für uns augenblicklich viel Geld. Also müssen wir sie noch dort lassen. Annelies Lindau hat vor 1 ½ Jahren einen Holländer geheiratet und ist mit ihm auf gen Holland; seitdem fehlt jede Nachricht von ihr, worüber Friedel natürlich sehr unglücklich ist. ...

... Nun zu Deinen Fragen: wir bewohnen das Zimmerchen, das oben zu unserer Wohnung gehörte, mit dem Balkon, es ist ziemlich dunkel, da nur eine Scheibe drin ist,  der  ...  und der Türflügel sind mit Pappe verklebt. So ist es oft recht düster bei uns, was nicht dazu beiträgt, die Stimmung zu erleichtern. Ich schlafe auf unserer großen Couch, die ziemlich ramponiert ist; Hansl und Wolf haben jeder ein Kinderbettchen.

...

 Brief 69 (Antwort-Postkarte)                                                        2.2.1947                        .... Du, schrieb ich Dir denn schon, dass ich Olbrichs Sachen hier in Berlin habe? Neulich bei einer Hundskälte bin ich früh um 5 Uhr fort, um um ½ 8 Uhr in Brieselang zu sein; es klappte dann auch mit dem Auto und Mittags hatten wir sie in Berlin beim Spediteur Knauer; dort lagern sie in Berlin, bis ich die Papiere alle beisammen habe. Bin ich froh, dass ich soweit damit bin! Dafür haben wir nun wenigstens wieder Küchen-Möbel; sie müssen zwar etwas aufgearbeitet werden, aber es ist doch wieder ein Anfang zur Wohnung. Hans und Grete (Olbrich!) werden sich auch freuen, dass ich die Sachen aus Br. (Brieselang) fort habe. Wenn wir nur schon eine Wohnung hätten! Für heut liebe Grüße Dein M.

...

 Brief 71                                                                                            20. Januar 1947

 Vielliebes Frauchen, am Sonnabend kam der Brief von Erwin an. Ich hab mich sehr gefreut. Er schreibt von einem kommenden Singeabend in der Varziner Strasse. Wie gern wäre ich dabei; so bin ich aber froh, dass Du mit dazu gehörst; bin froh, dass Du das Leben so gestaltest, wie ich es für mich gern hätte. Erwin kennt ja auch das Lazarett von innen, er schrieb nichts genaues von seiner Verwundung. … Letzt schrieb ich Dir, dass ich ein Bild schicken wollte; dreimal ist der Film schwarz geworden und zweimal verbrannt. Da gibt es der Fotograf wegen Verlustgeschäft auf. Schade, hätte auch gern mal etwas beigelegt. –

Hier scheint der Winter zu Ende zu sein. Wenn ich denk wie kalt es zu Haus bis in den Februar hinein noch ist! Oft liegt schwerer Nebel, vor allem nachts. Doch ab Mittag, wenn mal die Sonne scheinen kann, da ist dann recht warmes Vorfrühlingswetter. Da riecht es vom Acker her nach saftiger fetter Erde. Bald wird es sich regen: hier und da ist schon ein Gräschen, sicher drüben – uns verschlossen – schon ein Krokus. Bald kommt die Pracht! – Ich leb mit dem was mich umgibt. Es ist auch in mir dieses Frühlingsahnen. Es kommt etwas, was ich noch nicht sehe. Ist das der kommende Frühling? Oder ist es die Erfüllung eines endlosen Sehnsuchtstraumes? Wäre das noch verschwommene Kommende doch das Schönste! Wie es auch kommen mag, wir wollen doch vorbereitet sein. Du hast so oft gesagt: wünsch nur recht, wenn es dazu gut ist, wird es werden! Uns fehlen die schönsten ersten Jahre der Ehe, dabei auch die Erkenntnisse solcher Jahre. Unsere Kinder und unsere Welt verlangen uns als gereifte, zusammengewachsene Menschen. Was müssen wir alles aufholen! …

                                                                                                                             H.D.


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